„Es ist ein Kompromiss oder der kleinste gemeinsame Nenner“


Die Fraktionen aller Bundestagsparteien haben sich in der Vorwoche auf eine Neuregelung der Organspende geeinigt. Danach werden alle Bürger künftig regelmäßig von ihren Krankenkassen aufgefordert, eine freiwillige Erklärung über Organspendebereitschaft abzugeben.

Ist die geplante Neuregelung ein Durchbruch? Ich habe Jens Spahn (gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) und Martin Kalus (hauptberuflich von 1991 bis 2001 als Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation und seit 1991 auch für das Transplantationszentrums Stuttgart zuständig)  sechs Fragen zu diesem Thema gestellt. Hier sind ihre Antworten:

Interview mit Martin Kalus:

Martin Kalus
Martin Kalus

Sind Sie zufrieden mit der neuen Regelung?

Martin Kalus: Nein, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Politiker Kauder, Steinmaier und Bahr wirklich damit zufrieden sind. Es ist ein Kompromiss oder der kleinste gemeinsame Nenner.

Was will die Politik mit der neuen Regelung verbessern?

Kalus: Das eigentliche Ziel war, zum einen die Wartezeiten der Patienten auf eine Organtransplantation zu verkürzen und zum anderen, dass sich Menschen zu Lebzeiten mit dem Thema Organspende auseinander setzen und eine Entscheidung dafür oder dagegen treffen sollen.

„Ja“, „Nein“, oder “ignorieren“ – das hat Gesundheitsminister Daniel Bahr zur neuen Regelung vorgeschlagen. Glauben Sie, dass diese neue Regelung weitreichend genug ist?

Kalus: Nein, ich halte die neue Regelung nicht für weitreichend genug und denke, dass es in absehbarer Zeit nicht DEUTLICH mehr Organspenden in Deutschland geben wird und sich die Wartezeiten auf eine Organtransplantation nicht DEUTLICH verkürzen werden.

Fehlt im Rahmen dieser ganzen Neuregelung nicht die Aufklärung? Glauben Sie wirklich, dass wiederholte Schreiben der Krankenkassen die Menschen zur Organspende überzeugen?

Kalus: Aufklärung und Information sind das A und O beim Thema Organspende. Im übrigen sind die Krankenversicherungen im bereits seit 1997 bestehenden TPG in § 2 Abs. 1 aufgefordert, die Bevölkerung regelmäßig zu informieren, aber das Gesetz wird nicht gelebt!

Kann es sein, dass viele Menschen immer noch zögern, weil viele Fragen in Zusammenhang mit Organspende – beispielsweise bei Hirntod – nicht geklärt sind?

Kalus: Die Menschen zögern vor allem, weil ihnen detaillierte Informationen fehlen. Und Geschichten um kolportierte Gerüchte verunsichern die Menschen.

45 Prozent der Deutschen fürchten laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung, dass die Ärzte nicht mehr mit vollem Einsatz um ihr Leben kämpfen, wenn sie sich zu einer Spende bereiterklärt hätten. Wie nehmen Sie den Menschen diese Angst?

Kalus: Aufklärung ist das A und O bei der Organspende! Nur wenn die Menschen die Zusammenhänge verstehen, wird sich vielleicht die Angst nehmen lassen. Es wird, egal welche Regelung kommen wird (Zustimmungslösung, Widerspruchslösung, Erklärungslösung), schwierig bleiben, schon deshalb, weil jeder sich mit dem eigenen Tod auseinander setzen muss.

 

Interview mit Jens Spahn 

Jens Spahn
Jens Spahn

Sind Sie zufrieden mit der neuen Regelung?

Jens Spahn: Ja, damit bin ich sehr zufrieden.

Was will die Politik mit der neuen Regelung verbessern?

Spahn: 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, gleichzeitig sagen viele Deutsche, dass sie kein Problem damit hätten, Organspender zu werden. Deshalb werden jetzt alle Bürger regelmäßig von ihren Krankenkassen angeschrieben und über die Organspende informiert und hier Erklärung aufgefordert. Auch bei der Ausgabe von Ausweisen oder Führerscheinen erhalten sie Informationen. In erster Linie geht es um Aufklärung, dann werden sich auch mehr Menschen bereit erklären, zu helfen. Davon bin ich überzeugt.

„Ja“, „Nein“, oder “ignorieren“ – das hat Gesundheitsminister Daniel Bahr zur neuen Regelung vorgeschlagen. Glauben Sie, dass diese neue Regelung weitreichend genug ist?

Spahn: Wir wollen niemanden zur Entscheidung zwingen. Die Gefahr besteht, dass dann viele aus Trotz „Nein“ ankreuzen. Unserem Ziel, mehr Organspender zu gewinnen, kämen wir so nicht näher. Jeder soll sich dafür entscheiden, weil er es für sinnvoll erachtet. Und wer noch Zeit braucht für die Entscheidung, soll sich diese nehmen. Und damit er nicht vergisst, dass das Thema wichtig ist, wird er regelmäßig daran erinnert. Ich glaube, das ist eine gute Regelung.

Fehlt im Rahmen dieser ganzen Neuregelung nicht die Aufklärung? Glauben Sie wirklich, dass wiederholte Schreiben der Krankenkassen die Menschen zur Organspende überzeugen?

Spahn: Nein, genau um Aufklärung geht‘s ja bei den Schreiben. Die Krankenkassen und die Unterlagen der Ämter haben ja genau zum Ziel, umfassend und verständlich aufzuklären, um eine Entscheidung aus Überzeugung fällen zu können.

Kann es sein, dass viele Menschen immer noch zögern, weil viele Fragen in Zusammenhang mit Organspende – beispielsweise bei Hirntod – nicht geklärt sind?

Spahn: Wir haben jetzt den ersten Schritt gemacht. Die erste positive Wirkung ist doch, dass derzeit intensiv darüber diskutiert wird. Vielleicht lassen sich viele Zweifel mit einer gut formulierten Patientenverfügung aus der Welt schaffen.

45 Prozent der Deutschen fürchten laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung, dass die Ärzte nicht mehr mit vollem Einsatz um ihr Leben kämpfen, wenn sie sich zu einer Spende bereiterklärt hätten. Wie nehmen Sie den Menschen diese Angst?

Spahn: Die Angst ist auf den ersten Blick vielleicht verständlich. Aber unbegründet. Kein Arzt, der sich und seinen Beruf ernst nimmt, macht hier einen Unterschied. Die allermeisten Ärzte üben ihren Beruf überaus verantwortungsvoll aus – sie wollen Krankheiten heilen und Leben retten. Sonst hätten sie sich einen anderen Beruf gesucht.

3 thoughts on “„Es ist ein Kompromiss oder der kleinste gemeinsame Nenner“”

  1. Da wird mir als Betroffener , seit 7 Jahren auf der Warteliste, echt übel wenn ich sehen muss wie die Politiker
    mit solch einem Thema umgehen …die haben keine Ahnung ….die Wartezeiten werden sich verlängern….weil die Aktion größten Teils fruchtlos sein wird …im Gegenzug nimmt die Patientenzahl zu …und die efektiv durchgeführten Transplantationszahlen , siehe 2011, nehmen ab….die meisten unserer Nachbarländer praktizieren mit Erfolg die Widerspruchslösung…..selbst das sehr katholische Spanien hat Diese eingeführt…und die Zeiten auf der Warteliste haben sich halbiert….und unsere Politiker argumentieren “ wir möchten unsere Mitbürger nicht verängsten oder zu etwas zwingen….
    in der Zwischenzeit sterben täglich 3 Menschen deren Organspende zu spät kommt….was bitte sehr ist gegen eine Widerspruchslösung zu sagen die nachweislich doppelt so vielen Menschen das Leben rettet bzw.deren Leben verbessern kann….Es ist doch jedem bei dieser Lösung freigestellt ausdrücklich nein zu sagen…also wo sehen dann die Politiker den Zwang…..
    kommischer Weise zwingen Sie uns ständig neue Steuerbelastungen auf , da haben sie plötzlich keine Bedenken mit dem Zwang….wenn es aber darum geht Menschenleben zu retten bekommen sie plötzlich Zweifel….die Spanier und die Österreicher sowie die meisten unserer Nachbarländer machen es uns vor…Alles statistisch belegt….während unsere Politiker dies ignorieren und ein Jahr darüber diskutiert haben sind wieder 10.000 Menschen gestorben. Sorry das ist für mich echt nicht nach vollziehbar…So blind können nur Politiker sein….man könnte fast meinen das da Absicht und Methode dahinter steckt….
    schließlich ist das Interessen an der Erhaltung der Dialyseplätze (65000) sehr groß für die Pharma Industrie…die hat bekanntlich eine große Lobby….65.000 x 198,-€ pro Dialyse und Tag x 365 Tage. das sind alleine für einen Tag 12.870.000,-€
    ist nur mal so ein Gedanke….ich wünsche Allen Betroffenen auf der Warteliste das unsere Politiker endlich aufwachen und Änderungen vornehmen die Menschenleben retten und nicht welche Kosten…Allen Gesundheit und ein langes Leben…Thomas Ricker

  2. Kommentar von Thomas Ricker vom 11.03.2012 ….hier ist mir ein Tippfehler passierd es muss lauten 1.000 Menschen serben pro jahr nicht 10.000 Menschen…sorry ist mir jetzt erst auf gefallen….Thomas R.

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